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Antifa-Roman

51 | Die Entscheidung

Als Marc aufwacht, fühlt er sich müde. Er hat schlecht geschlafen. Die heute anstehende Konfrontation mit den Nazis lässt ihn nicht los. Immerhin hat er so etwas noch nie erlebt. Dazu kommt, dass an ihm allein Erfolg oder Misserfolg der ganzen Aktion hängen.

Während er mit seiner Tragetasche Richtung Vereinsheim läuft, ist er noch aus einem anderen Grund schlecht gelaunt. Die Nazis haben die ganze Stadt mit ihrem Mobilisierungs-Plakat „Nationaler Widerstandsmarsch gegen Drogendealer und Asylmissbrauch“ zugekleistert. An jeder Ecke brüllt es ihm entgegen. Es kotzt ihn an. Wieder einmal wird ihm klar, dass sie als kleine Gruppe gegen die Nazis nicht ankommen. Ihre eigenen Plakate waren im Vergleich nur Nadelstiche. Das ärgert ihn.

Erst als er an den Inhalt seiner Tragetasche denkt, verschwinden seine dunklen Gedanken und seine Laune bessert sich: ein schwarzer Overall, schwarze Socken Größe 50, ein Paar schwarze Arbeitshandschuhe (eng sitzend), eine Gasmaske und eine große Sprühflasche Pfefferspray. Mîrhat hat die Sachen besorgt und am Sonntag vorbeigebracht. „Einheitskleidung für alle“, hat er gesagt. „Bezahlt aus der Parteikasse.“ Alle Beteiligten sollen gleich aussehen. Ununterscheidbar für die Nazis und vor allem für die Kamera! Mîrhat hat auch festgelegt, dass Waffen nur im Notfall zum Einsatz kommen dürfen. Jeder hat etwas dabei, das als ‚Notbremse‘ geeignet ist, wie sich der Kurde ausdrückte. Die meisten haben ein Messer eingesteckt. „Die Waffen sollen nur zum Einsatz kommen, wenn es gar nicht mehr anders geht“, betonte Mîrhat. Das Ziel des Hinterhalts ist „Propaganda mit PR-Kampagne“, wie Marc es nennt. „Blut und gebrochene Knochen sind für Fotos und Filmaufnahmen hinderlich, weil das nur Mitleid bei den Zuschauern erzeugt.“

Deshalb hat Mîrhat noch stabile Kabelbinder – ebenfalls in schwarz – mitgebracht. Gefangene wird es geben, keine Verletzten. Mit Marc ist er den Plan mehrfach durchgegangen. Marc spielt die Schlüsselrolle. Der gesamte Ablauf hängt von seinen Nerven ab. Es sind nur Sekunden, aber sie sind entscheidend. Marc fühlt sich geschmeichelt, dass er der Auserwählte ist. Aber mulmig ist ihm schon.

Als er im ebenerdigen Raum des Fußballvereins auf die anderen aus der Schülergruppe trifft, ist die Stimmung von der Erwartung der Ereignisse bestimmt. Aufregung liegt in der Luft. Es knistert förmlich vor Anspannung.

„Haben alle ihre Smartphones daheim gelassen?“, will Marc direkt wissen. „Das ist wichtig, damit wir später sagen können, wir waren nie hier.“

„Jaja, Mann,“ reagiert Erkan genervt. „Das fragst du jedes Mal. Keiner hat ein Handy dabei!“

„Ja, aber diesmal gab es ja noch eine zusätzliche Aufgabe.“

„Mobiltelefon eingeschaltet irgendwo herumliegen lassen“, äfft Marlene ihn nach. „Oder Freunden mitgeben, um unsere Aufenthaltsspuren hier im Vereinsheim zu verwischen.“ Sie schaut ihn böse an. „Marc, du nervst echt.“

„Ich frag halt lieber nochmal nach. Sicher ist sicher“

„Ist ja gut, wir sind alle nervös“, sagt Vera. „Ganz ruhig.“

Alle versuchen sich wie immer zu verhalten. Nur die Fenster müssen heute geschlossen bleiben. „Auf keinen Fall die Fenster öffnen“, hat Mîrhat Marc mehrfach eingeschärft. Marc trägt eine Art Empfänger bei sich. Es ist ein elektronisches Kästchen mit einer LED. Dieses gehört zu irgendeinem billigen Funkschalter zum An- und Ausschalten von Lampen oder Steckdosen. Es ist ein Massenartikel, überall zu kaufen und günstig. Die LED muss nur einwandfrei auf das eingehende Funksignal reagieren. Das ist der einzige Kommunikationsweg von draußen in den Vereinsraum. Der LED-Code ist simpel. Einmal blinken ist der Hinweis, dass das Signal kommt. Dann gilt Folgendes: Zweimal blinken heißt „Die Nazis sind da!“, dreimal blinken „Wir sind bereit!“. Dauerleuchten ohne Blinken hingegen bedeutet „Abbruch! Komm nicht raus!“

Marc geht in den Flur und beginnt mit seinen Vorbereitungen. Vor ihm baumelt der LED-Empfänger am Türgriff. Das Lämpchen leuchtet nicht. Er zieht den schwarzen Overall über seine Klamotten und die riesigen Strümpfe über die Schuhe. „Schuhe hinterlassen gerade auf weichem Boden charakteristische Spuren“, hat Mîrhat ihm erklärt. „Jeder Mensch hat einen individuellen Fußabdruck. Die Socken verwischen den. Nur draußen tragen, auf glattem Boden im Haus sind die viel zu rutschig! Aber um eine Bombe zu legen, reicht so eine Sicherheitsmaßnahme natürlich nicht aus,“ hatte der „Experte“ Mîrhat lachend hinzugefügt.

Ein echter Scherzbold, denkt Marc. Da blinkt die LED: erst einmal, dann zweimal: Die Nazis sind da! Marcs Puls schnellt nach oben. Die Zeit läuft.

Ein paar hundert Meter weiter sitzt Annette mit einem nervösen Fotografen im Auto. Auch ihr Empfänger blinkt. Für sie gilt der gleiche LED-Code wie für Marc und alle anderen. Sie weiß nun ebenfalls, dass es gleich losgeht. Doch sie muss warten. Für sie ist nur ein viermaliges Blinken relevant: „Ihr dürft jetzt kommen.“ Dann soll sie mit dem Fotografen loslaufen.

Eigentlich ist sie entspannt. Sie war nie ein Kind von Traurigkeit, das es mit der Legalität besonders genau genommen hat. Früher war sie aktiv im Kampf gegen die Startbahn West am Frankfurter Flughafen und gegen Atomkraftwerke beteiligt. Mit Militanz hatte sie nie ein Problem. Aber heute ist ihre Tochter dabei. Und sie weiß, dass es ein himmelweiter Unterschied ist, ob die Gegner Polizisten sind oder Nazis. Für Polizisten gelten Gesetze, sie haben in der Regel noch irgendeine Moral oder Hemmschwellen, Nazis nicht. Bei den Staatsdienern ist das Problem, dass sie dich mitnehmen, vor Gericht stellen und sozial ruinieren können, bei Nazis geht es direkt um Leib und Leben. Und dass sich Vera irgendwo zwischen den Fronten befindet, macht ihr kein gutes Gefühl. Mîrhat hat ihr x-mal versichert, dass ihrer Tochter nichts passieren wird. Aber Mutter bleibt Mutter.

Auch Walter Schellenborn befindet sich in der Nähe. Vorhin hat er von Karl noch die Liste der Täter erhalten und ihm 600 Euro in einem Umschlag in die Hand gedrückt. Nun sitzt der Verfassungsschützer entspannt in seinem Dienstwagen, die Standheizung läuft leise und er freut sich auf die Keilerei. Das Fenster ist einen Spalt breit geöffnet.

Ich will hören, wie die Antifas ein paar auf die Fresse bekommen. Ich hasse dieses Pack.

Im Kopf rechnet der AfD-Wähler schon mal seine Überstunden zusammen.

Das Schöne an meinem Job ist, dass mich niemand kontrollieren kann. Ich kann abrechnen, was ich will: Spesen und Geldzuwendungen an V-Leute, Überstunden, Reisekosten … Schellenborn freut sich immer wieder aufs Neue, denn die Liste nimmt kein Ende. Und alles zahlen die Bürger. Freiwillig. Für ihre Sicherheit. Schellenborn lächelt in sich hinein. Wem es gelungen ist, diesen Bedrohungs-Schwachsinn in das Bewusstsein der Bevölkerung zu pflanzen, gehört mehrfach ausgezeichnet und mit Titeln und Medaillen überhäuft. Das ist meine Maschine zum Geld drucken. Es sichert mein Gehalt und die vielen „Extras“. Die „terroristische Bedrohung“ ist mein persönliches Füllhorn, mein ewiger Bankautomat mit nur einer Funktion: „Unendlich-viel-Geld-an-Walter-ausgeben“.

Er lehnt sich in den geheizten Sitz seines BMW SUV X6. 60.000 Euro hat die Steuerzahler die geile Kiste mit 250 PS gekostet. Der Verfassungsschutz-Beamte verschränkt glücklich die Arme hinter dem Kopf. Bisher läuft alles wie erwartet. Gerade konnte er sehen, wie Karl Markowitz und seine Schläger die Treppe zum Vereinsheim hochlaufen.

Gleich krachts.

Er schaltet das Radio ab. „Macht mit denen, was ihr wollt“, hatte er Karl eingeschärft, „aber bringt keinen um. Bei Mord wird es schwierig, meine schützende Hand über euch zu halten.“ Hoffentlich hält der fette Dummkopf Wort. Während die Anspannung in ihm steigt, nimmt er eine blutdrucksenkende Tablette. Heute eine mehr. Für alle Fälle.

Die LED blinkt dreimal: Wir sind bereit! Marc zieht die Gasmaske über den Kopf. Dann steht er wartend hinter der Tür. In der behandschuhten Faust rechts hält er das Pfefferspray. Seine einzige Waffe. Die linke Hand liegt auf dem Türgriff. Obwohl er kaum etwas hört, bemerkt er, dass vor der Tür Menschen stehen. Ihm wird ganz schlecht bei dem Gedanken, dass sich dort eine Horde schwerbewaffneter Neonazis zusammenrottet, die ihm und den anderen die Knochen brechen wollen. Doch er reißt sich zusammen. Von ihm hängt der gesamte Verlauf des Hinterhalts ab. Entweder wird es eine erfolgreiche Antifa-Aktion oder ein Nazi-Massaker.

Vergiss deine Angst. Vergiss deine Panik. Mach einfach deinen Job. Mach es genau so, wie du es dir vorgenommen hast. Schritt für Schritt. Du hast es zuhause geübt: Hand auf den Türgriff legen. Runterdrücken. Tür aufreißen. Grob zielen. Abdrücken. Mitten ins Gesicht. Und nicht aufhören, bis der Gegner schreit. Bis Karl Markowitz schreit. Denn der steht vor dieser verdammten Tür. Er ist dein Feind. Dein Gegenüber. Ein Koloss von 120 Kilo.

Marc kann das alles noch nicht fassen.

Nun stehe also ich, Marc Brenda, 75 Kilo schwer, gleich vor diesem Giganten und spiele David gegen Goliath. Hoffentlich ist David auch heute der Sieger … !

Hinter ihm hört er die Freunde der Schüler-Antifa diskutieren. Es klingt gezwungen und nicht so locker wie sonst durch die geschlossene Zwischentür. Aber sie müssen auf jeden Fall weitersprechen, irgendwas diskutieren, egal wie aufgeregt sie sind. Alles muss unauffällig wirken, sonst werden die Nazis vielleicht noch misstrauisch.

Er späht durch den Tür-Spion. Karl Markowitz steht direkt davor. Er kann seine Umrisse erahnen. Und Goliath ist nicht allein. Um ihn herum ist alles voll Nazis. Sie tragen Sturmhauben und dunkle Klamotten.

„Die Gasmasken werden uns von ihnen unterscheidbar machen“, hatte Mîrhat gesagt. Mîrhat, immer wieder Mîrhat, denkt Marc. Ohne ihn wären wir ganz schön im Arsch!

Dann sieht er, wie der große Skinhead ein paar Schritte zurücktritt und sich dann geduckt zur Tür wendet. Er will sie einrennen. Marc beschließt, dass das DER Moment ist. DIE Sekunde, die alles entscheidet. Jetzt nur keinen Fehler machen. Jetzt bin ich völlig auf mich gestellt. Nur die Nazis und ich. Nur der fette Skinhead und ich. Marc Brenda, Auge in Auge mit dem Feind.

Er schaut noch einmal durch den Spion. Kurz bevor das Skinheadmonster losrennt, reißt Marc die Tür auf.

Ein völlig verdutzter Karl Markowitz starrt ihn fassungslos an. In dem Skinhead geht ein langsamer Denkprozess vor sich.

Wieso steht da ein schwarzgekleideter Hänfling mit Gasmaske und roter Sprühflasche in der Hand?

Auch den anderen Nazis ist die Überraschung anzusehen. Doch bevor irgendjemand reagieren kann, hebt Marc sein Pfefferspray und drückt ab. Er trifft Goliath mitten ins Gesicht.

Immer weiter sprühen. Nicht aufhören. Daran hängt deine Gesundheit. Draufhalten, egal was der Fettsack tut. Daran hängt dein Leben! Nicht aufhören. Draufhalten. Einfach draufhalten. Wenn die dich erwischen, schlagen sie dich tot. Das sind Nazis. Menschenschlächter. Hör nicht auf!

„Ziel nur auf ihn! Er ist der Schlüssel. Der Anführer. Der Chef. Er muss fallen!“, hat ihm Mîrhat eingeschärft.

Nicht aufhören.

„Der Führer muss umgehen! Wenn der Feldherr fällt, rutscht den anderen das Herz in die Hose! Das war schon bei den Römern so. Und das ist deine Aufgabe, Marc!“

Ich tue es!

Marc zielt entschlossen mit dem Strahl auf das Gesicht des Skinheads.

Nichts passiert.

Wieso fällt er nicht?

Die anderen Nazis haben ihren Schock überwunden und laufen los.

Für Marc vergehen die Sekunden in Zeitlupe. Goliath steht. Das Pfefferspray schießt in sein Gesicht. Keine Reaktion. Der fette Koloss schaut ihn nur ungläubig an.

„Was will der denn?“, sagen ihre Augen.

Baseballschläger. Teleskopschlagstöcke. Schlagringe. Axtstiele.

Das wird ein Massaker. Das Gas ist wirkungslos. Wir hätten es testen sollen.

Marc ist verzweifelt.

Jetzt sind wir fällig.

Da reißt der Skinhead endlich die Hände vor die Augen und brüllt. Das Signal! Im gleichen Moment treten weitere Personen mit Gasmasken aus den Büschen und drücken auf ihre Pfeffersprayflaschen. Die Nazis begreifen, dass es nicht nach ihrem Plan läuft. Sie gehen zum Angriff über. Sie stürmen auf die Angreifer los, doch Pfefferspray ist gnadenlos. Es spritzt von überall her in ihre Gesichter. Die Getroffenen drehen sich um, die Hände vorm Gesicht. Sie wollen fliehen. Doch sie sind eingekreist. Von überall schießt der biologische Kampfstoff auf sie. Es gibt kein Entkommen. Und keine Gegenwehr. Heulend und schreiend laufen sie gegeneinander, einige rutschen aus und fallen stolpernd zu Boden. Chaos bricht aus. Das Pfefferspray macht kampfunfähig. Speichel läuft aus ihren Mündern, die Augen brennen, das Atmen fällt schwer, der Kopf schreit nach Luft. Es ist ein erbärmliches Bild.

Walter Schellenborn hört die Schreie und ist sehr zufrieden. Schreit nur, ihr miesen linken Ratten. Er startet den Motor. Der Automatik surrt los. Schellenborn freut sich auf sein Bett. Es wird sich zwei Überstunden mehr aufschreiben und dann morgen erst einmal ausschlafen. Ein toller Job, stellt er zum wiederholten Mal fest. Beim Wegfahren sieht er die beiden Gestalten nicht, die gerade auf das Vereinsheim zulaufen.

Bei Annette blinkt das LED viermal. Ihr Herz rast. Hoffentlich ist Vera wohlauf!

„Wir müssen los“, sagt sie zu dem Journalisten. Und nicht die Reihenfolge vergessen!“

Der Mann nickt. „Ist in Ordnung.“

Sie hast die Treppen hinauf.

„Das hört sich ja ziemlich brutal an“, sagt er. Sie nickt nur und rennt weiter.

Hoffentlich ist es nicht Vera, die da schreit!

Marc hat die Tür hinter sich wieder geschlossen. Durch den Türspion verfolgt er das Durcheinander.

Keine Schläge. Keine Brutalität. Nur Gas und jammernde Nazis.

Einige der Personen mit Gasmasken halten jetzt Handys in den Händen. Wie abgesprochen wird alles gefilmt. Immer zwei von ihnen fesseln je einem Nazi die Hände mit Kabelbindern auf dem Rücken, reißen ihm die Vermummung vom Kopf und durchsuchen ihn. In einer Kiste auf der Treppe landen Baseballschläger, Metallstangen, Totschläger, Schlagringe, Axtstiele, Messer, Brieftaschen und Smartphones. Dann schleifen sie sie auf den angrenzenden Sportplatz in den Strafraum vor das Tor. Manche versuchen aufzustehen oder sich zu wehren. Eine Extraladung Pfefferspray bricht dann jeden Widerstand.

Als Messer aufblitzen, stürmt Annette mit dem Journalisten die Treppe hoch. Mîrhat hält sie auf. Der Journalist schaut verwundert auf den stummen Mann mit Gasmaske. Das Geschehen auf dem Sportplatz ist von den unteren Stufen aus nicht zu sehen. Er macht eine eindeutige Geste: „Wartet!“

Im Strafraum zerschneiden Klingen Schnürsenkel, Jacken, T-Shirts, Hosen und Gürtel. Innerhalb weniger Momente stehen zwei Dutzend Nazis in Unterhosen da. Ihre Hände sind mit weiteren Kabelbindern aneinandergebunden, sie bilden einen Kreis. Ihre Augen sind knallrot, Tränen und Rotz laufen über ihre Gesichter. Ein erbärmlicher Anblick.

Erst als seine Leute verschwunden sind, tritt Mîrhat zur Seite. Annette führt den Fotografen zum Sportplatz. Die beiden kennen sich seit der Startbahnzeit, auch damals war er schon Fotograf. „Dort oben ist es. Ich warte hier im Dunkeln auf dich.“

Der Reporter ist begeistert. Ein einmaliges Fotomotiv. Vor ihm steht eine Horde fast nackter Nazis, schlotternd und aneinandergebunden. SS-Runen, Hakenkreuze, Odin-Köpfe und schwarze Sonnen tanzen Ringelreihe. Eine absurde Szene. Er kann es kaum glauben. Er knipst und knipst und knipst.

Vera hatte ihrer Mutter genau erklärt, wie die Fotos gemacht werden müssen. „Er soll so viele Tattoos wie möglich fotografieren, und zwar so, dass klar ist, welches Tattoo zu welchem Nazi gehört. Also immer Tattoo und Gesicht!“

Der Fotograf hält sich an die Abmachung. Das Motiv begeistert ihn. Das wird die Schlagzeile für morgen.

Annette klopft dreimal an die Tür des Vereinsheims. Es ist nun auch für die Jugendlichen Zeit, zu verschwinden. „Alle sind weg, nur der Fotograf ist noch oben“, sagt Annette.

„Alles klar!“

„Okay, ihr könnt gehen“, ruft Marc leise durch die Zwischentür. Marlene geht als Letzte. Sie kontrolliert noch einmal alles.

Im Gang fällt Vera Marc um den Hals. „Ich hatte solche Angst!“

„Dafür haben wir jetzt keine Zeit“, murmelt er, während er weiter seine Klamotten, das Pfefferspray und die Gasmaske in eine Tüte und diese dann in seinen Rucksack stopft.

„Egal, ein Kuss muss sein“, flüstert sie, und presst ihr Lippen auf seine.

Als Annette auf ihre Tochter zugeht, wehrt diese ab. „Keine Zeit, wir müssen weg.“

Max bleibt bei Marc kurz stehen. „Das Gejammer von den Nazis war grässlich, aber es war nicht ohne Genuss, es zu hören!“

Dann sind alle auf dem Heimweg.

Marc wartet auf Marlene. Sie schließt die Tür ab um und geht zur Kiste auf der Treppe. Flink sammelt sie die Geldbörsen ein, stopft sie in eine Baumwolltüte und wirft sie in ihren Rucksack. „Frolic wird sich freuen!“

Dann packt sie eine Tupperdose aus, die sauber und lückenlos mit Alufolie ausgekleidet und umhüllt ist. Dorthinein wandern die Smartphones. Die Tupperdose wiederum steckt sie in einen Beutel, den René aus metallenem Fliegengitter gebastelt hat. „Das sind nun zwei faradaysche Käfige“, hatte er gesagt. „Die Handys sind damit weder zu orten noch können sie senden.“ Er will sie sich in seinem Bastelkeller einmal genauer ansehen. Der befindet sich im Nachbarhaus seiner Wohnung und gehört einer alten Dame. René kann ihn nutzen, weil er ihre Einkäufe erledigt. Er hat ihn abhörsicher ausgebaut, auch dort kommen keine Smartphonesignale rein oder raus.

Während Marlene ihren Rucksack füllt, wartet Marc. Solange er das Blitzlicht des Fotografen noch sehen kann, ist die Polizei nicht informiert. Der Reporter hat klare Anweisungen: Fotos machen und auf zwei SD-Karten speichern. Wenn er fertig ist, gibt er eine davon Annette, die damit abhaut. Dann soll er zehn Minuten warten, bis er die Polizei informiert. Die Zeit sollte ausreichen, damit alle weit genug vom Tatort entfernt sind.

Als Marlene fertig ist, laufen sie zu ihren Fahrrädern. Die anderen sind schon fort. Sie fahren eine vorher ausgekundschaftete Strecke zurück, vorbei an einem großen Müllcontainer, wo sie die verdächtigen Klamotten und Utensilien von Marc entsorgen. Mîrhat hatte ihm alles genau erklärt. „Jeder muss genau wissen, wo er die Sachen wegwirft. Das müsst ihr vorher auschecken. Alle schmeißen selbstverantwortlich ihre eigenen Sachen weg. Und ihr müsst mindestens schon fünf Minuten mit dem Rad gefahren sein!“

Aber Marc und Marlene haben noch eine Aufgabe. Sie werfen die Geldbörsen für Frolic in ein Gebüsch, das sie ebenfalls vorher ausgekundschaftet haben. Dort können sie sie irgendwann einsammeln. Die Handys für René wirft Marlene in einen bestimmten Abfalleimer. Dort kann er sie sich ebenfalls abholen.

„Ich bin froh, dass wir alle Sachen jetzt los sind.“ Marc schaut auf seine Uhr. „Jetzt wird gerade die Polizei informiert.“

„Frag mich mal“, antwortet Marlene. „Aber ich glaube, so eine Chance bekommen wir nie wieder.“

„Da hast du bestimmt recht.“

Sie umarmen sich. Ab hier fahren sie getrennt nach Hause.

„Schlaf gut!“, sagt Marlene. Über ihnen funkeln die Sterne im klaren Himmel. Es ist still. Bis auf die einsetzenden Martinshörner in der Ferne.

Ein paar Kilometer stehen Stefan und Isabella mit ihren Fahrrädern an der Ecke, wo sie sich nach Plan trennen sollen. Aber Stefan will nicht.

„Magst du nicht noch mitkommen?“

„Wie meinst du das?“

„Naja“, sagt Stefan verlegen. „Meine Eltern sind nicht da.“

„Meinst du, das ist eine gute Idee?“

„Ich finde schon.“

„Eigentlich will ich jetzt sowieso lieber nicht allein durch die Gegend fahren.“

Stefans Gesicht leuchtet. „Dann komm mit.“

Er stritt auf sie zu und streicht ihr sanft über das Haar. „Bitte!“

„Ich weiß nicht.“

„Wieso?“

„Ich habe Angst.“

„Ich tue dir nichts. Ich fasse dich nicht an. Versprochen!“

„Okay, ich versuche es.“

„Das macht mich sehr glücklich.“

Jetzt schaut Isabella zu Boden. Dann sagt sie: „Seit du dem Weitzel und den beiden Nazis ihre Grenzen gezeigt hast, warte ich auf einen Moment, um dir zu danken.“

Sie schaut ihm in die Augen.

„Du brauchst mir nicht zu danken!“

Sie schweigt. Die Sirenen werden lauter.

„Beim Training wurde mir klar, dass ich mich in dich verliebt habe“, flüstert sie.

„Das ist der schönste Tag in meinem Leben.“

Isabellas Augen strahlen nun ebenfalls.

„Komm, lass uns losfahren. Wir machen bei mir den Kamin an!“

Er nimmt sie an der Hand. Sie radeln auf dem Bürgersteig nebeneinanderher. Das vorbeirasende Polizeiauto beachtet sie nicht.